Geheuer und Getüme

Zeichnungen 2016 bis 2019

Katalog, 384 Seiten Hardcover DinA4

Das Blatt ist weiß – nicht lange. Ein Strich, eine Bleistiftspur, ein Kritzel, Gewebe, Strukturen bilden sich, formen sich ineinander, verschlingen sich, es arbeitet sich ein Gesicht von deiner Hand heraus, ich schlage den Bogen zu einem Körper, wir holen weitere Figuren aus dem Papier, Dynamik entsteht im Stillen, das Geflecht verlangt mehr, flimmert, windet sich vor unseren Augen; wir nehmen wieder weg, zerstören einander, bauen wieder auf, ergänzen uns, sterben tausend Tode und erleben tausendundeine Geburt auf dem Papier… .

Das vierhändige Zeichnen ist ein gemeinsamer, meist gleichzeitiger Prozess, vergleichbar mit einem improvisierten Musikstück. Ohne Absprachen entstehen Bilder und Geschichten. Wir haben gelernt, uns zu begegnen, zu konfrontieren oder zu „plaudern“ mit unseren Linien und Flächen.

Getüme und Geheuer gibt Einblick in fast vier Jahre anhaltendes gemeinsames Schaffen auf Papier.

Susanne Pohl und Stefan Wanzl-Lawrence vor ihrer gemeinsamen Raumzeichnung, Stargarder Straße, Ingolstadt, 2017. Foto: Andre Mennesker

Wer bist du, wer bin ich. Du mit deinen klassisch ausformulierten Figuren, ich mit meinen filigranen Netzen. Ich mit meinem intuitiven Gehenlassen, du mit deiner zielsicheren Komposition. Ich erfinde alles neu. Zum siebentausendachthundertdreiundsechzigsten Mal. Du weißt, wie es geht. Doch alles kann sich drehen. Mein figuratives Statement. Deine Auflockerung, ohne den Weg zu kennen. Dein Vordichhinkritzeln. Mein Ziel. Meine Sentimentalität. Dein Witz. Dein Pathos. Meine Zerstörung. Wer will uns festlegen? Alles entknüpft sich und bildet sich neu.

Der Raum wird abstrakt wird Figur wird Raum. Die Lust wird Freude wird Leid wird Drama wird Lust. Ein einzelnes Element der Szenerie verschiebt die Realität ins Bodenlose. Fliegen ist ein Leichtes.

Zeichnung ist unmittelbar. Alles ist möglich, was uns möglich ist.

Die Geschehnisse blättern sich vorwärts und neue Welten tauchen auf, die in uns geschlummert haben müssen und von denen wir doch nur leise Ahnung hatten. Spiegel der Welten, die Eingang gefunden haben in unsere Köpfe und in tiefere Schichten. Immer noch am Puls der Zeit uns nie selbst genug verschwenden wir die Eindrücke und dokumentieren eifrig mit.

Dieses Buch lässt sich lesen wie ein Geschichtenbuch.
Dieses Buch lässt sich auffassen wie ein Kommentar zum Leben der Individuen in der brandaktuellen und zugleich archaischen Struktur der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.
Dieses Buch lässt sich ansehen wie ein künstlerisches Werk, das sich nicht scheut, moderne und traditionelle Impulse aufzugreifen und neu und frisch zusammenzusetzen.


short stories

gemeinsam gezeichnet
gemeinsam geschrieben

susanne pohl
stefan wanzl-lawrence

 

“Willst du zwei verschiedene Arten miteinander verbinden, musst du sie multiplizieren.”
(Gregory Bateson, Ökologie des Geistes, 1985).

Stefan Wanzl-Lawrence und Susanne Pohl sind unabhängig voneinander seit langem in zahlreichen Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen in den Bereichen Grafik und Malerei vertreten.
Ein persönliches Zusammentreffen Ende des Jahres 2015 setzte eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Werk des Gegenübers und eine daraus folgende gemeinsame künstlerische Arbeit in Gang.

Ineinandergreifend gezeichnet und geschrieben im gemeinsamen Dialog formt sich eine Handschrift, die über die bisherige individuelle Darstellungswelt hinausreicht. Gedanken und Gefühle werden zu Geschichten, in die der Betrachter eintauchen und die er durch seine Eigenbewegung Gestalt werden lassen kann. Spontane Impulse weben ein unmittelbares und direktes Werk aus Zeichnungen und Worten – zart und gewaltig, kindlich und erotisch, voller Harmonie, Konflikt, Absurdität und Geheimnis.

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